Lucas Reiner
Lucas Reiner - On Pico Blvd #1 (2002)
On Pico Blvd #1 (2002)
Lucas Reiner, Los Angeles Trees, 2001 - 2008
Öl auf Leinwand

Wie diese Bilder beschreiben? Wie sie deuten? Am besten vielleicht keine Worte. Let them „take root in the mind of the viewer“!

Man stelle sich den Raum vor, in dem diese kleinen wunderbaren Bilder in Öl und Wachs entlang den Wänden aneinander gereiht sind wie Bäume einer Allee. Flanieren wir vorbei, verweilen und schauen wir und erfahren ihre Präsenz. Wie sensibel und fein sie gemalt sind! In Sujet, Pinselstrich, Farbe und Licht erinnern sie an die alten Meister und sind doch fern einer traditionellen Landschaftsmalerei. Baum für Baum, einzeln, wie Portraits, herausgelöst aus ihrer Umgebung: ohne Erdboden und ohne Horizont. Sie entwachsen der unteren Bildkante und füllen beinahe die ganze Leinwand. Sie breiten ihre Äste in eine Fläche von vielerlei Grau, das andere Farben einschließt, Blau, Rosa, Violet, Pink, matt samtig modelliert. In der Wiederholung der Komposition entfaltet sich eine schier unerschöpfliche Vielfalt der Farben und Formen. Langsamkeit und Sorgfalt sind jenen Bildern eingeschrieben, Gedanke und Gefühl. Das Pathos der Geschichte der Malerei und etwas sehr Zeitgenössisches verbinden sich in ihnen. Ihre Schönheit, ihre Anmut und Melancholie sind verführerisch. “The brushwork, lines and contours are carefully and delicate, drawing on the sheer love for painterly tradition and accomplishment as if the brazen iconographic humor of Guston were somehow transmuted back through the strategies of Italian Renaissance.” (Fred Dewey) Nehmen wir ihre Einladung zum aufmerksamen Betrachten und zur Kontemplation an!

Lucas Reiners Bilder kommunizieren sofort über das ästhetische Vergnügen an der Malerei und über ihren Gegenstand, den Baum. Wir erkennen ihn als Objekt der realen Welt, und schauend und verstehend holen wir das Abwesende herein: die Stadt. Wer Los Angeles kennt, hat die „Leerstellen“ des Bildes in der Imagination schnell besetzt. Die Bäume, schief, geschunden, merkwürdig getrimmt, zurecht gestutzt vom Verkehr, vom Lastwagen gestreift, beschnitten um Sicht zu schaffen auf Reklametafeln, entfremdet durch Schilder, Weihnachtsschmuck oder Graffiti. Fragil doch zäh, einzeln, um Raum ringend: zur Seite gegen die Häuserwand, nach oben gegen Stromleitungen. Davon scheint dieser Zyklus zu erzählen: vom Verhältnis des Menschen zur Schöpfung, der Domestizierung der Natur durch die Zivilisation, vom Überleben im urbanen Kontext.

Bäume sind uns oft selbstverständliche Erscheinungen der alltäglichen Lebenswelt. Über Jahre hinweg habe er sie unzählige Male passiert und nie gesehen - so berichtet Lucas Reiner in einer unveröffentlichten Lecture - und beschreibt, wie ihm die Augen aufgegangen sind: Es geschah im Jahr 2001 auf einer Reise durch Michigan: „amazing trees in the woods (...) captured my attention. I felt for the first time, kind of late in life, I’ll admitt, the power of nature without man. An unmanicured landscape.“ Zurück in Los Angeles, sieht er das zuvor nie Wahrgenommene. Die Stadt der Bilder zieht wie ein Film an dem im Auto Fahrenden vorüber, der nun, wenn er einen Baum sieht, der ihm gefällt, anhält und kleine Zeichnungen in seinem Skizzenbuch verfertigt und tausende von Photographien macht. In einer plötzlichen Obsession beginnt er, Bäume zu „sammeln“, sie zu „besuchen“ und sich für ihre Geschichte zu interessieren. Keiner übrigens ist dort heimisch. Aus der ganzen Welt sind sie nach Los Angeles gebracht: aus den Regenwäldern Brasiliens, aus Europa, Australien. Lucas Reiner sieht sie „as people“. „I started to see the trees all over the city as portraits. Their shapes were the result of their interaction with the needs of civilisation, of the environment. And I thought, that’s similar to how we are. We are marked by civilisation. So I’ll paint them as portraits. I won’t paint them as landscape.“ Jeder hat sein eigenes Gesicht und seinen eigenen Charakter: introvertiert, sensibel, depressiv, duftig heiter, stolz, deformiert. verschroben.

So individuell und einzigartig jedes Gemälde ist, so fügt es sich mit den anderen zu einer Serie von konzeptueller Strenge. Wie ein „Inventory“, eine Bestandsaufnahme, erscheint dieser Werkkomplex, der von einer einfachen „Versuchsanordnung“ ausgeht : die Bilder haben zunächst alle das gleiche Maß von 14 x 12 Inches; die „Figur“ reicht von der unteren Bildkante bis fast zur oberen und füllt somit die gesamte Leinwand, die immer in Grautönen grundiert ist. Man mag an Karl Blossfeldt denken – und es könnte reizvoll sein, Lucas Reiners Trees daneben zu sehen -, der über mehr als drei Dekaden mit dem selben Photoapparat und in immer gleichem Stil Pflanzen photographierte und so mit seinen Urformen der Kunst ein serielles Werk schuf, dessen Veröffentlichung 1929 zur Sensation geriet. “Whereas Blossfeldt magnified the plant to fill the frame and placed it in front of a neutral sheet of cardboard, I have reduced the tree, leaving space around it and placed it within a grayish background reminiscent of the polluted Los Angeles sky.” (L.R., 2005)

Nun ist Lucas Reiner ein Maler. Beobachtung, Zeichnung, Photographie, Film – das alles ist Quelle seiner Inspiration, Material. Das Thema ist die Malerei! Was kann sie leisten? Und was kann der Künstler dem hinzufügen, was bereits existiert? Denn der Baum ist in der Tat kein extravagantes Thema in der langen Geschichte der Kunst. Es geht weniger um eine Phänomenologie des Baumes als um die Möglichkeiten der Malerei.

Nach seinen minimalistischen Bildern der neunziger Jahre - Reduktion als Gegenreaktion auf die Bilderflut des Alltags -, in der nur gelegentlich Schriftzeichen auf die „Kulturlandschaft“ verweisen, holt Lucas Reiner nun den Gegenstand wieder in die Malerei herein. Seine “Bäume” beziehen sich auf die Realität, sind zugleich jedoch weit von ihr entfernt, da mögen auch die Titel der Werke sie präzise verorten und ihre Provenienz bezeichnen: On Ocean Park Boulevard, On Packard Street, Western Avenue, On Canon Drive... Sie sind auch nicht Abbild der Photographie wie bei Gerhard Richter, dessen in seinem Atlas versammelten Photographien den Bilderfundus für seine Malerei darstellen. Lucas Reiner beharrt auf der eigenen Integrität seiner Photographien und auf der „Befreiung“ seiner Malerei von der Quelle.

Und mehr und mehr löst er sich von den “realen” Bedingungen. Er erkennt: “I can take liberties.” Zu einem Baum gesellt sich ein zweiter, ein Ensemble von vieren entsteht, die Formate wachsen. Der „Gegenstand“, der sich über die Leinwand ausgebreitet hat, bleibt dabei fast gleich groß in dem um ihn herum weiter werdenden Raum. Später dann gibt er bisweilen seinen Standort an der unteren Bildkante auf und beginnt zu schweben: wie der South Central Farm Tree, „this tree that is in exile“. Die Farben des Hintergrundes werden kräftiger, leuchtend bis ins strahlende Orange und volle Rot. „I would like the painting to allow space not only for what has been eliminated, but also for what is yet to come, and, of course, for the viewers themselves.”

Im Project Room Roberts/Tilton in Los Angeles 2003 reiht sich Bild an Bild im gleichen Format ringsherum an den Wänden. Bei Gian Ferrari in Mailand im Jahr danach wechseln die Dimensionen der Arbeiten, und reizvoll holt der Blick aus dem Fenster die Natur in die Ausstellung hinein. Bei Pocket Utopia in Brooklyn 2007 fügt Lucas Reiner zum ersten Mal Zeichnung, Photographie und Film mit der Malerei zu einer Installation. Eine solche Nachbarschaft der verschiedenen Medien ist auch für die Ausstellung in München in der Galerie Biedermann vorgesehen. Überdeutlich wird in dieser Zusammenschau das besondere Licht der Malerei und ihre Einzigartigkeit. „The painting is not the end, it points to something, it is broadening.” Das Bild kann Erholung für die Seele sein, “refuge and shelter”.

Vielleicht rühren die Bilder uns im Inneren auch deswegen an, weil ihr Gegenstand eine Fülle von Assoziationen eröffnet, die sich aus vielfältigen symbolischen Bezügen zahlreicher Kulturen und Religionen nähren. Der Baum ist ein universales Symbol des Heiligen: der Baum des Lebens, im Paradies gepflanzt, die Vertikale, Symbol des Wachstums, der beständigen Erneuerung, des Sieges über den Tod; der Baum, der sich aufrichtet in Freiheit, zum Himmel wächst, der Weltenbaum als Bild des Kosmos. Das Kreuz Christi, das Holz des Todes, das zum Auferstehungssymbol, zum Heilszeichen wird. Das Erscheinen jenes Archetyps in unseren Träumen deutet die Traumsymbolik als Zeichen für den seelischen Reifungsprozess, und tief verwurzelt ist der Glaube an eine Wesensverwandtschaft von Baum und Mensch.

Die abendländische Malerei ist voller Bäume, und mit dem durch die Los Angeles Trees geschärften Auge sieht man sie sofort: aus dem Bild wachsend, gefällt, in Blüte, mit Früchten, Stümpfe, denen neues Grün entwächst… , Baum des Sündenfalls, Kreuzesholz, apokalyptischer Baum des Lebens, dessen Blätter zur Heilung der Völker dienen; der Apfelbaum mit den reifen Früchten als dem Symbol Christi: “Wie der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter unter den Söhnen”, heißt es im Hohelied Salomons. Der Baum ist ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben, und bis heute ist seine Faszinationskraft ungebrochen in der jungen Malerei etwa bei Benjamin Butler, Rosilene Ludowico, Elizabeth Magill, ..., wie auch in der zeitgenössischen Photographie, denkt man etwa an Lee Friedlander ....., Jitka Hanzlovás Forest, Michael Kennas Hokkaido Serie, Heidi Specker, und andere.

Lucas Reiners Bilder offerieren Erzählung und Symbol und sind zugleich “non-representional”. Wie es in den figurativen Gemälden des von ihm verehrten Giorgio Morandi nicht um die Darstellung von Gefäßen geht, so haben Sean Scullys definitiv abstrakte Werke durchaus narrative Strukturen, wenn sie Assoziationen von Figur und Landschaft wecken, von Fenster und Spiegel oder religiösen Formen und Themen wie Altar oder Auferstehung. Ob de Koonings Tree in Naples von 1960, dem wir im MOMOA in New York begegnen, abstrakt ist oder figurativ! „Abstract – figurative: it is not a battle anymore. It is about life, it is about humanism!”

In Lucas Reiners Werk verbinden sich europäische Tradition der Malerei - das Pathos der Geschichte, der Wunsch nach emotionaler Aura und Poesie - und amerikanische Kunstströmungen wie der Minimalismus. Wie auch in der Herkunft des Künstlers die beiden Kontinente zusammen kommen: Der Großvater aus Czernowitz stammend wie Paul Celan, Uhrmacher, der einst Kaiser Franz Joseph einen kostbaren Uhren-Fingerring fertigte; die Familie der Großmutter, eine Malerin, aus Deutschland und Polen. Nach der Jahrhundertwende sind die beiden nach New York ausgewandert, wo Lucas Reiners Vater, Autor und Filmregisseur, und seine Mutter, eine Sängerin, geboren wurden. In Los Angeles auf die Welt gekommen und aufgewachsen im Filmmilieu - auch sein Bruder Bob Reiner ist Regisseur - hat Lucas, der im übrigen ein exzellenter Kenner der europäischen Literatur und Kunst ist, in New York und Paris studiert.

Mag es inzwischen auch eine neue Werkgruppe geben, die der Firework Paintings, so könnte der Baum für längere Zeit noch in Lucas Reiners Oeuvre seine Wurzeln schlagen. Über einen Kreuzweg denkt er nach im Bild des Baumes, einen Zyklus Stations of the Cross für die Kirche N.N. in Washington. Und aus dem Studium der Malerei der Renaissance auf seinen Reisen nach Italien werden sicher weitere Werke hervorgehen. Wie Recht hatte Lawrence Carroll, der vor Jahren den Besuch seines Künstlerfreundes Lucas in München mit den Worten ankündigte: „He is a terrific painter“!

Petra Giloy-Hirtz, aus Lucas Reiner, Los Angeles Trees, 2001 – 2008, Prestel Verlag Munich Berlin London New York 2008

Biography

Geboren 1960 in Los Angeles
Lebt und arbeitet in Los Angeles

1986
Parsons School of Design, Paris
1982-85
Parsons School of Design, New York
1982-85
Otis Art Institute, Los Angeles
1978-79
New School for Social, Research, New York.
Solo Exhibitions
2010
Galleria Traghetto, Rome
Galerie Peter Bauemler, Regensberg
Harris Gallery, University of La Verne, California
2009
Long Beach City College Gallery, Long Beach, California
Dinter Fine Art, New York City
Washington Adams, PDC, Los Angeles
(collaboration with John Millei)
Galleria Traghetto, Venice/Italy
2008
Los Angeles Trees, Galerie Biedermann, Munich
Envoi, Kips Gallery, New York
2007
Trees: Painting, Photograph, Film, Pocket Utopia, Brooklyn
2005
Fireworks, Carl Berg Gallery, Los Angeles
2004
Alberi, Claudia Gian Ferrari Arte Contemporanea, Milan
2003
Trees, Roberts & Tilton Project Room, Los Angeles
2001
Mylar Drawings, Florimbi/Gipe Projects, Santa Barbara
1999
Paintings, Tricia Collins Contemporary Art, New York
1998
Starting with the Flower, Griffin Contemporary Exhibitions, Los Angeles
1996
Milk, Piss Blood, Rust, Dirt, Tricia Collins • Grand Salon, New York
1995
Paintings and Drawings, Bennett Roberts Fine Art, Los Angeles
1985
While We Play, Onyx Café, Los Angeles
Group Exhibitions
2008
Tree Service, Domestic Setting, Los Angeles
2007
Mar Vista, Domestic Setting, Los Angeles
Its Gouache and Gouache Only, gathered by Geoffrey Young, Andrea Meislin Gallery, New York
Its Gouache and Gouache Only, Geoffrey Young Gallery, New Barrington, CT.
2006
Close, Dinter Fine Art, New York
Summer Hours, Dinter Fine Art, New York
Gift Shop, Another Year in LA, Los Angeles
9 Generations of Otis, Otis Alumni Exhibition, Barnsdall Municipal Gallery, L.A.
Planer, Torrence Art Museum, Los Angeles
Impression/Ism, City of Brea Art Gallery, Los Angeles
2005
Rogue Wave II, L.A. Louver Gallery, Los Angeles
West Coast Painting, Galerie Biedermann, Munich
Opening Bloom, Barbara Davis Gallery, Houston
Frank Pictures, Media Rare Gallery, Los Angeles
2004
Arboretum, Cirrus Gallery, Los Angeles
Bäume, Galerie Biedermann, Munich
Observations, Carl Berg Gallery, Los Angeles
Behind Door #9, University Art Museum, Santa Barbara
Kunst im Palais am Lenbachplatz, Credit Suisse, Munich
Crazy Thoughts Have Quick Wings, Cirrus Gallery, Los Angeles
Open Proposition, The Proposition, New York
2003
Tinseltown, Domestic Setting, Los Angeles
Super Nature, Overtones, Los Angeles
International Unplugged, Los Angeles Internationale, Los Angeles
Wet Paint, Brea Gallery, Los Angeles
Sequel, domestic setting, Los Angeles
L.A Hot, Barbara Davis Gallery, Houston
2002
Monoprints, Garner Tullis, New York
Utopian Grids, Coagula Gallery, Los Angeles
2000
08 - 30 - 00, Gallery 138, Kent State University, Ohio
Urban Hymns, Luckman Gallery, California State University, Los Angeles
Summertime, Tricia Collins Contemporary Art, New York
1999
Stretching the Intimate, Motta Gallery, London
Mod, Tricia Collins Contemporary Art, New York
Selected Works, Atelier Richard Tullis, Santa Barbara
1998
Over the Mantle, Over the Couch, Tricia Collins, New York
Cine Sur, La Paz, Bolivia
Viktoria Reveals Secrets, Hannover
1997
Duremos, Let’s Last, Art and Idea, Mexico City
Prima Vera Video, Universidad Buenos Aires, Argentina
Viktoria Reveals Secrets, Gallery 242, New York
domestic setting, Post, Los Angeles
Cereijido Summer Video Festival, Tricia Collins Contemporary Art, New York
Conversion, Tricia Collins • Grand Salon, New York
1996
Hodgepodge Lodge East, Hovel, New York
Group Show, Tricia Collins • Grand Salon, New York
Green, Factory Place Gallery, Los Angeles
1995
Painting Beyond the Idea, Manny Silverman Gallery, Los Angeles
Cover to Cover, The Work Space, New York
Pink and Innocent, Tricia Collins • Grand Salon, New York
Group Exhibition, domestic setting, Los Angeles
The Spirit of the Matter, Tricia Collins • Grand Salon, New York
A Working Title, E-space, Los Angeles
1994
a perhaps hand, Thomas Solomon’s Garage, Los Angeles
L.A. Mail, Jose Friere Gallery, New York
1993
Return of the Cadavre Exquis, The Drawing Center, New York
1992
Sammons Center for the Arts, Dallas, Texas
Featured Exhibitions