West Coast Painting

galerie biedermann, M√ľnchen
Juni / July / August 2005

West Coast Painting

"I think I can be considered a West Coast artist, if one wants. I don't know if I am New York, Californian or European as far as that goes…" dies schrieb Marcia Hafif, als wir sie um Bilder zu unserer Ausstellung baten. Sie ist in Kalifornien geboren (1929), arbeitet dort, aber eben auch in New York und immer wieder in Europa. Was für sie gilt, trifft auch auf die anderen Künstler der Ausstellung zu. Hassel Smith (geb. 1915), den man als "West Coast underground legend" bezeichnet hat, war Mitte der vierziger bis Anfang der fünfziger Jahre einer der einflussreichsten Lehrer an der California School of Fine Arts (heute San Francisco Art Institute) zusammen etwa mit Clyfford Still und Richard Diebenkorn, bevor er nach England ging. Lawrence Carroll ist in Melbourne/Australien geboren (1954); in Kalifornien ist er aufgewachsen, hat dort studiert und lebt heute in Los Angeles und in Venedig. Lucas Reiner ist in Los Angeles geboren (1960), lebt und arbeitet dort, hin und wieder auch in New York. Und Mark Harrington, geboren (1952) und aufgewachsen in Kalifornien, ist ausgebildet in England und arbeitet - nach Jahren in Spanien und Norwegen - jetzt in Deutschland.

Der Auswahl dieser fünf kalifornischen Künstler ist - bei all ihrer Verschiedenheit - begründet in einer gewissen Grundstimmung ihrer Malerei. In einer Zeit der euphorischen Feier des Figurativen und der Überfülle zeigt die Ausstellung Bilder der Reduktion, der Ruhe, Bilder von emotionaler Aura und ästhetischer Schönheit, eine Malerei, die Raum gibt für Assoziation, Erzählung, Erinnerung im Kopf des Betrachters. In diesen Arbeiten erfüllt sich - jenseits des Zeitgeistes oder besser: ihn antizipierend! - erneut der Zusammenhang von Abstraktion und der Ungebundenheit des Geistes.

Lawrence Carroll

Lawrence Carrolls Arbeiten - in Deutschland bekannt geworden besonders durch die Documenta IX (1992) - sind Malerei und Skulptur zugleich in reduzierten Formen und einfachen Materialien: rohes Holz, alte Planen, die Leinwände aus Stücken genäht, Öl und Wachs, die Farbe immer Weiß, ein gebrochenes, ja schmutziges Weiß. Sie sind gebaut wie Möbelstücke: Kästen, Kisten, Schachteln, gestapelte Bretter, Bänke - flach über dem Boden schwebend, aus der Wand ragend, auf der Erde liegend, in die Ecke gesetzt. Sie wirken bescheiden in ihrer "Armut", fragil, pur. Ihre Unvollkommenheit und Nicht-Perfektion, all die Spuren der Zeit, als seien sie der Witterung und anderen Widrigkeiten des Lebens ausgesetzt, geben ihnen eine emotionale Aura und Wärme. Sie haben die "Komplexität eines Traumes", wie Lawrence Carroll sagt - und: "go, make your own history!"

Marcia Hafif

Die Erneuerung der Malerei, systematisch durch ein radikales Programm ist ihr Ziel: Seit den siebziger Jahren begründet Marcia Hafif mit ihrer Werkreihe From the Inventory eine Ordnung der Malerei nach Form, Farbe und Technik. Wir zeigen Arbeiten aus der Serie Sea Garden, die aus der Kenntnis der Tradition der europäischen Malerei schöpfen. Diese Gemälde fangen das Licht ein und die Stimmungen von den Spiegelungen des Sees in feinen Pinselstrichen und Schraffierungen, die von ferne wie ein monochromes Objekt in zartem Ton anmuten und aus der Nähe die "vielen" Farben offenbaren.

Mark Harrington

Mark Harrington knüpft an die Abstraktion der Moderne an und erfrischt sie mit neuen Techniken, Farben und Materialien. Es ist eine konzeptuelle Arbeit, die sich im Rahmen einer klaren Ordnung entfaltet. Allen Bildern gemeinsam sind strukturale Gleichförmigkeit und die Wiederholung der Form: horizontale Linien und Diptychon - das heißt, jedes Bild erschafft seine Einheit aus zwei nebeneinander oder übereinander gefügten Teilen. Statt eines Pinsels ziehen Werkzeuge in einem aufwendigen Prozess des Auftragens und Abschleifens Spuren in die Schichten von Farbe. So entstehen Bildtafeln raffinierter "Zeichnung" in unverkennbarer Handschrift von kleinem bis monumentalem Format in außergewöhnlicher Farbigkeit.

Lucas Reiner

Lucas Reiner malt Bilder in Öl und Wachs auf Leinwand. Mit der "Los Angeles Tree" Serie präsentiert er "Reales" - neu in seinem Werk, das sonst ungegenständlich ist. In Sujet, Pinselstrich, Farbe und Licht sind diese Bilder den alten Meistern verwandt und haben doch nichts zu tun mit traditioneller Landschaftsmalerei. Es sind Bäume - einzeln wie Portraits - ohne den Erdboden und ohne den Horizont, wie sie der Künstler auf seinen Fahrten durch Los Angeles wahrnimmt und zunächst in einem Photo bannt: zurechtgestutzt im Strom des Verkehrs, Gebäuden weichend, geschunden und in ihrer Zartheit von melancholischer Schönheit.

Hassel Smith

Hassel Smith ist ein wichtiger Repräsentant der Dekade des abstrakten Expressionismus in der San Fransisco Bay Area nach 1945. Seine Werke sind in zahlreichen renommierten Sammlungen vertreten wie dem Los Angeles County Museum, dem San Francisco Museum of Modern Art, dem Whitney Museum (New York) oder der Tate Gallery (London). Mit Ausnahme von England und Italien gab es in Europa noch keine Hassel Smith Ausstellungen. Unsere Präsentation von Arbeiten aus den neunziger Jahren zeigen seine Meisterschaft: Gemälde voller Kraft und Vitalität, licht, transparent, poetisch, offen für zahlreiche Assoziationen.