Malerei

Diözesanmuseum Freising 2002

Der aufmerksame Blick

Die großen ruhigen Bilder von Mark Harrington im Lichthof des Diözesan- museums: Sie entfalten im Rhythmus der Arkaden eine Spannung zwischen Linie und Bogen, zwischen Horizontale und Halbkreis. Die wechselnden Durchblicke und die Blicke von oben herab erfassen von weitem Klarheit, Reduktion der Formen, Einfachheit des Bildaufbaus, die Ordnung in der Abfolge der Farben. Aus der Nähe betrachtet öffnet sich die Oberfläche in die Tiefe. Die Illusion eines Raumes entsteht, den man mit den Augen durchwandern kann, wie die Werke der alten Meister aus der Freisinger Sammlung, deren Platz sie nun einnehmen. Eine unendliche Vielfalt der Sprenkel, Schraffuren und Schemen verlockt zum Schauen. Sechs großformatige Arbeiten – in ihren Ausmaßen immer noch bezogen auf den menschlichen Körper – hängen im Lichthof, sechs kleinformatige in der ehemaligen Küche, einem lichtdurchfluteten Gewölbe zu ebener Erde unter der Kapelle des Hauses. Zwei der großen Bilder sind im letzten Jahr entstanden: Grau und Weiß Angel und in wunderbarem Blau Imeeo. Die anderen hat der Künstler nach seinem Besuch des Domberges geschaffen. Die konzeptuellen Elemente sind bald erfaßt und machen die Individualität und Wiedererkennbarkeit des Werkes aus: Zweiteilung des Bildobjektes, lineare Struktur, vordergründig sichtbar der Dialog von jeweils zwei Farben. Die horizontalen Linien laufen über die Leinwand: wie Schrift, Zeilen von Poesie oder wie die Notierung einer Partitur. Sie schaffen ein Ordnungsgefüge noch in ihrer Vitalität und Unregelmäßigkeit. Das Diptychon ist verbindliche Form. Die beiden "Flügel" stehen nebeneinander wie bei der antiken Schreibtafel und dem mittelalterlichen Andachtsbild, oder sie sind übereinander montiert. Der vertikale Falz bricht abrupt die horizontalen Linien, der horizontale, eher unauffällig, verschwindet beinahe in der Textur des Bildes. Dennoch bleibt auch hier die Dichotomie. Sie steht für Differenz und zugleich doch auch für die Möglichkeit eines Ganzen. Die Farben sind warm, ungewohnt, sehr besonders, blasses Gelb, schimmerndes Blau, merkwürdig undefinierbares Violett.

Wie sind diese Bilder gemacht? Woher kommt jene Spannung von transparent und opak, von entrückt und gegenwärtig? Wie entsteht der Eindruck von Tiefe, von sanfter Oberfläche und brillanter Farbigkeit? Der Prozeß des Entstehens ist kein Geheimnis, wenngleich das Ergebnis unberechenbar bleibt, "controlled accident", wie der Künstler sagt. Die Leinwand ist über ein stabiles Kunststoffgehäuse gespannt. Ohne Pinsel, der die Bewegung der Hand direkt übersetzt, ist es ein eher mechanischer Vorgang, in dem ein Rakel in die feuchten Farbschichten Spuren legt. Ein Prozeß körperlicher Kraftanstrengung und meditativer Dauer, von Farbauftrag und Abschleifen, von Spuren legen und Glätten. So kommt es auch, daß die verschiedenen Farbschichten spürbar bleiben, manchmal, in den Vertiefungen und Rissen, auch sichtbar. Die "versteckten" Farben werden erinnert, und ihre Intensität dringt durch alle Schichten hindurch an die Oberfläche. Aber nicht allein wegen ihrer Form sind die Bilder interessant. Über das Materielle hinaus wollen sie eine geistige Erfahrung, ähnlich vielleicht wie die Arbeiten der amerikanischen Malerin Suzan Frecon oder die von Stephan Baumkötter, die wir in Freising gezeigt haben.

Mark Harrington hat seine Kindheit in Kalifornien verbracht, kam dann mit seinen Eltern nach England, studierte dort Bildhauerei, Kunstgeschichte und Englische Literatur; als Theater. Er lebte und lehrte in Barcelona und in Bergen in Norwegen und auf den einsamen Lofoten Islands dort im Norden. Auf Einladung der Villa Waldberta kam er nach München und hat sich nun für eine Zeit jeden Jahres an einem Ort von großer landschaftlicher Schönheit in der Nähe des Starnbergersees niedergelassen.

Harrington hat die geometrischen Formen seiner Malerei der 80er Jahre aufgegeben, die Bildfläche entleert, die Möglichkeiten von Farben und Formen eingeschränkt und die beiden Panele einander zunehmend angeglichen. Er konzentriert sich auf die Linie, die in halbmechanischem Malprozeß aus der Bewegung entsteht – "als Spur des sich bewegenden Punktes", wie Kandinsky in Punkt und Linie zur Fläche sagt, "Sprung aus dem Statischen ins Dynamische", Bewegung in der Zeit, Richtung im Raum.

Es ist ein puristischer Rahmen, den der Künstler sich steckt: Prinzip der Wiederholung, Verpflichtung auf die Serie, auf elementare Formen und gleiche Herstellungsweise. Das mag die Rezipienten ähnlich polarisieren wie der Minimalismus in der Musik. Was den einen sinnlich, vibrierend, erregend und dicht erscheint, erschöpft sich für die anderen in Repetition und Handwerklichkeit. Wo die spontane Zuneigung etwa durch die emotionale Energie der Farbe sich nicht einstellt, da hilft nur die Aufmerksamkeit des Blicks. Gegen das flüchtige, gegen das beiläufige Schauen, gegen die "zerstreute Aufmerksamkeit" (Walter Benjamin) das langsame Sehen. Gewöhnt an die Flut der Bilder, die Flut der Reize, die rasante Geschwindigkeit nun die Bereitschaft zur Ruhe der Beobachtung. Was Peter Sloterdijk in seiner Kritik des Fortschritts- und Avantgardebegriffs postuliert: gegen das Motiv des permanenten Zwangs zur Innovation das Projekt einer Ästhetik der Aufmerksamkeit und Meditation.

Der Lichthof des Diözesanmuseums ist kein mittelalterlicher Kreuzgang und keine antike Wandelhalle, aber er hat doch die eigentümliche Aura einer ehemaligen Stätte der Erziehung, der Bildung, des Lernens, der Selbsterfahrung. Mark Harringtons Bilder sind hier am richtigen Ort. Sie imponieren nicht durch Monumentalität. Sie haben nicht Pathos und Emphase der großen Gemälde von Sean Scully, der sein Oeuvre im kunstgeschichtlichen Kontext von Matisse, Mondrian und Rothko begreift. Sie verblüffen nicht durch einen spektakulären Anschein wie die Bilder von David Reed, die mit ihren Schleifen und Draperien in atemberaubenden Farben wie ein Fries an dieser Stelle in Geistes Gegenwart den Dialog zum barocken Rubens suchten. Harringtons Arbeiten haben eine andere Form der Dynamik. Sie sind von großer Bescheidenheit – und doch außerordentlich ambitioniert. Nichts weniger wollen sie, als die Würde ästhetischer Kontemplation restituieren! Diese Bilder erzählen keine Geschichten. Jedenfalls keine vorgegebenen. Sie sind nicht überfrachtet mit Inhalten, mit Zeichen und Symbolen, nicht fixiert auf kopfbestimmte Dechiffrierung. Sie leiten an zur Konzentration, zur Stille. Wie viel gibt es zu entdecken im Unscheinbaren der Figurationen! Wie lebendig ist jedes Bild und trotz Ähnlichkeit wie verschieden vom anderen! Der Betrachter erfindet seine eigene Erzählung, und in den Assoziationen von "space", von Universum, von Sternenhimmeln, durchleuchteten Körpern oder Mikrostrukturen erfährt er vielleicht etwas über sich und das Leben – genug leere Stellen für Bilder im Kopf! Harrington steht in der Tradition der Abstraktion, wo die Kunst sich "aus dem Gefängnis der Dinge", aus dem "Lärm der Realität befreit" und sich durch Reduktion hinwendet zur Stille. Und Stille ruft ein Gefühl der Unmittelbarkeit hervor. Sie entspricht dem "Bedürfnis nach grenzenloser Freiheit und grenzenloser Gefühlsintensität, d.h. grenzenloser geistiger Freiheit" (Renato Poggioli). Das sind große Worte. Aber um keinen geringeren Anspruch geht es – wenngleich manchmal gegen den Zeitgeist.

Petra Giloy-Hirtz

Direktor: Peter B. Steiner
Kuratorin: Petra Giloy-Hirtz
Grafik Design: buero schmid (München)
Photos: Christoph Knoch
PR: Claudia Weber

Mark Harrington