Hartmann Art
Interest in Life 02
Stephanie Valentin
Stephanie Valentin, 2002
Gelatineabzug, 33 x 36 cm
Hartmann Art

Kunst in einem Unternehmen – das ist eine besondere Situation. Nicht der geheiligte Raum des Museums, nicht das Experimentierfeld eines Ausstellungsinstituts oder der weiße Kubus einer Galerie: es ist ein profaner Raum, dem man eigentlich Kunst nicht zutraut - eher Pflanzen im Entree und die Präsentation von Produktwerbung, vielleicht noch ein Bild an der Wand als Farbtupfer. Hier nun bei Hartmann empfängt Sie eine Kunst, die museumswürdig ist, geschaffen von Künstlern, die vielfach in Museen in Europa, Amerika und Australien ausgestellt haben.

Die Arbeiten sind nicht im Auftrag entstanden und passen doch hierher zu Hartmann. Sie sind nicht Ausstattung, nur Schmuck, sondern sie haben zu tun, mit dem was das Unternehmen bewegt. Sie korrespondieren mit Fragen, über die hier nachgedacht wird. Wie im ersten Zyklus geht es um "Interest in Life": Interesse am Leben, am Menschen, an der Gesundheit des Körpers und seiner Verwundbarkeit. Es geht um ein humanes Leben, um Heilen, Gesunden. Der Dienst am Menschen und ethisches Handeln gehören zum Katalog der unternehmerischen Tugenden von HARTMANN.

Das heißt: Kunst ist kein Luxus im Sinn einer Verschwendung von Mitteln zur bloßen Erbauung. Nicht eine Orchidee in der Nische der Vorstandsetage oder bloßer Anlaß für einen Event. Durch die Kunst lernen wir verstehen, unterscheiden, schulen wir unser ästhetisches Empfinden – fürs Leben und fürs Unternehmen! Ob es um Kommunikation der Mitarbeiter geht, um das Gespräch zwischen Tochtergesellschaften, um die Vernetzung in der Stadt: Die Kunst ist mittendrin, sie ist von Nutzen, wenn sie gut ist, wenn sie vermittelt werden kann und wenn es eine Kontinuität im Sinne eines beständigen Prozesses des Schauens und Lernens gibt.

Kultur – und damit auch die bildende Kunst – soll nun im Grundgesetz verankert werden. "Kultur ist eine lebensnotwendige Grundlage unserer Gesellschaft, so daß es folgerichtig ist, sie auch in unserer Verfassung zu nennen", ist die Begründung. Daß im Sinne des neuen "Staatszieles" HARTMANN mit dieser Ausstellung auch ein bürgerschaftliches Engagement erbringt, dafür Achtung und Lob!

Dr. Petra Giloy-Hirtz, curators, Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 18. Mai 2004

Jean-Baptiste Huynh

Das Intime und das Unendliche

Haut und Himmel, Mensch und Kosmos, das Berührbare und das Unbegreifliche ist das Thema der Photographien des französischen Künstlers. Jean-Baptiste Huynh zeigt Bildnisse des Menschen: die Schönheit seines Antlitzes, die Faszination des Fremden, die Würde des Alters, die Oberfläche des Körpers und seine Gebärden. Die Haut, Hülle und Grenze zwischen dem Selbst und der Welt, erscheint wie ein fragiles Pergament, in das sich das Leben eingeschrieben hat: Poren, Pigment, Haar oder Narbe, Makellosigkeit, Verletzung und Vergänglichkeit. Seine "sprechenden" Hände sind voller Ausdruckskraft. Jene Handbewegungen und Fingerstellungen haben in den Ritualen anderer Kulturen bestimmte Bedeutungen, die wir nicht entschlüsseln können, die uns gleichwohl anrühren in ihrer Expressivität. Die Hautbilder und Himmelsbilder sind einander verwandt in ihren Formen und Strukturen. So wird sichtbar, wie der Mensch aufgehoben ist im Ganzen des Kosmos.

Purismus und meisterhafte Perfektion der schwarz-weißen Handabzüge haben Jean-Baptiste Huynh bekannt gemacht. Die Photographien, die er von seinen Reisen nach Vietnam, Mali oder Japan mitgebracht hat, sowie seine Künstlerportraits sind in wunderbaren Büchern publiziert. HARTMANNART zeigt Huynhs Arbeiten zum ersten Mal in Deutschland.

Stephanie Valentin

Die geheimen Formen der Natur

Was das menschliche Auge nicht zu erkennen vermag, zeigt uns die australische Künstlerin Stephanie Valentin: Bilder kleinster Lebensformen von Blütenstaubkörnern. Nur das Elektronenmikroskop vermag sichtbar zu machen, was unseren Blicken entzogen ist: die Wunder der Schöpfung, Fruchtbarkeit, Entstehung von Leben. Es sind Mikrostrukturen, kleinste Zellvorgänge, die der Mensch durch avancierte Forschung und Technik wahrnehmen und verändern kann. So greift die Künstlerin in Kooperation mit einem Wissenschaftler in die Struktur der Pflanze ein:
durch "Beschuß" mit einzelnen geladenen Atomen ätzt sie Worte in die feinsten Substanzen der Pollenoberfläche, die unserer Welt entstammen. So verbindet sie das Kleinste mit dem Großen, das Unsichtbare mit dem Sichtbaren, das Unbekannte mit dem Vertrauten, Natur und Kultur, Pflanze und Sprache.

Stephanie Valentin lehrt an der National Art School in Sydney. Ihre Arbeiten wurden vielfach international publiziert, ausgestellt bisher vorwiegend nur in Australien (Australian National Gallery, Parliament House, Canberra, National Gallery of Victoria). Neben ihrer Präsentation in der Galerie für fotografische Kunst f 5;6 in München, sind sie jetzt bei HARTMANNART zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.

Pia Stadtbäumer

Versehrung und Vollkommenheit des Körpers

Wie vom Himmel herab schweben unter der gläsernen Architektur des Verwaltungsgebäudes die ausgebreiteten Arme von Pia Stadtbäumer. Nach dem Abbild der Natur sind sie in Wachs modelliert – es sind die Arme und geöffneten Hände der Künstlerin selbst in verdoppelter Größe. In der Tradition eines humanistisch geprägten Körperbewusstseins ist jede Pore, jede Hautfalte mimetisch genau ins Material übersetzt (das stabilisiert ist durch eine Gaze von HARTMANN!). Durch die Fragmentierung des Leibes aber – den Schnitt durch den aufrechten Menschen über dem Hals und unter den Achselhöhlen – entsteht eine Spannung, die bezeichnend ist für eine Welt, in der das harmonische Ganze nur noch als unerfüllbare Sehnsucht zu existieren scheint. So entsteht in den Augen des Betrachters ein Dialog zwischen Augenschein und Vorstellung: zwischen Ausschnitt und Ganzheit, Versehrung und Heilung, Störung und Integrität, Unvollkommenheit und Vollendung. Die Horizontale des Körpers, eine erhabene Geste in Schönheit und Fremdheit, eröffnet so neue Weisen der Wahrnehmung und der Selbstreflexion.

Pia Stadtbäumer, Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und beteiligt an vielen internationalen Ausstellungen, hat sich konsequent der Darstellung des menschlichen Körpers gewidmet und die Tradition des Figurativen – Abbildlichkeit und handwerkliches Modellieren – in eine neue Sprache übersetzt.

Karin Sander

Gestalt und Erscheinung

Ein solches "Menschenbild" hat es noch nicht gegeben. Karin Sander macht den Betrachter selbst zum Kunstwerk. Sie reproduziert den Menschen, schafft aus der individuellen Gestalt eine Skulptur. Die ganz und gar authentischen Figuren versammelt sie dann zu einem Tableau der Gesellschaft en miniature. So bedient sich die Kunst neuester Techniken und formt verblüffende Selbstbildnisse. Körper, Kleidung, Haltung, Ausdruck - durch Laserstrahlen abgetastet und in Daten übersetzt – werden in einen "3 D Bodyscan", ein komplexes digitales Selbstportrait, verwandelt. Und erstaunt fragt sich das "Modell": Wer bin ich? Wie präsentiere ich mich? Wie nehmen die anderen mich wahr? Übernehme ich Verantwortung für die eigene Erscheinung? In jeder Gestalt verbirgt sich eine individuelle Lebensgeschichte. Die Person zeigt sich und bleibt zugleich geheimnisvoll.

Karin Sander, Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, ist eine der bedeutenden, international renommierten deutschen Künstlerinnen; ihre konzeptuellen, sehr unterschiedlichen Arbeiten setzen sich oft mit vorgefundenen Situationen auseinander, greifen ein und verändern, um die Augen zu öffnen für ein differenziertes Wahrnehmen und Verstehen.