Althoff & Auer
Vom Monte Scherbelino Sehen

Diözesanmuseum Freising 2003

Vom Monte Scherbelino Sehen

Bilder sind dicht gehängt rundherum an den weißen Wänden des weiten Barocksaals in Freising, Bild an Bild, manchmal übereinander, "es fließt": Landschaften von Abel Auer und Erzählungen von Kai Althoff. Überwältigend in der Fülle und in ihrer Lebendigkeit fügen sich die so unterschiedlichen Bilder zu einer prachtvollen Gesamtschau. "Alles zusammen ist Gottes Werk." Kai Althoff hat den Freund eingeladen, und gemeinsam haben die beiden Künstler die Ausstellung entwickelt: die Nachbarschaften der Bilder, die Krippe, den Text.

Abel Auer malt Landschaften, üppig, überbordend in den Farben, in verschwenderischer Fülle. Himmel, Berge, Bäume, Steine, Pflanzen, keine Menschen und doch auch Behausungen, Hütte und Zelt. Die Bilder Kai Althoffs erzählen, manchmal Geschichten aus der Bibel und Legenden. Da beugt sich Sankt Nikolaus liebevoll durch das geöffnete Fenster in die Schlafstube dreier Mädchen und legt jedem einen goldenen Apfel ins Stockbett, sie vor dem Verkauftwerden zu bewahren. Der arme Vater staunt mit offenem Mund. Jesus von Nazareth reitet ein in Jerusalem auf einem Esel, umg eben von ausgelassen jubelnden Menschen – Bischof, Meßdiener, Mönche, Nonnen und modische Gestalten, Zeitgenossen im Stil der achtziger Jahre. Jesus, wachend in Getsemani, die schlafenden Jünger zu seinen Füßen; als hohe weiße Christusgestalt auf einem mit Goldblech verzierten Paravent wie ein Triptychon: fragen, Auferstehung, das leere Grab, der Engel, der den Frauen die Botschaft bringt. Der ungläubige Thomas, die Male berührend, Antonius, versucht durch entzündliche Weiblichkeit, Moses: Gott geht vorüber. Der Heilige Geist, Scham und Schande der Menschen schauend. Überraschende Begegnung mit christlicher Überlieferung.

Spuren religiöser Erfahrung sind wir gewohnt in der Abstraktion zu lesen. Das Transzendente in der Kunst bewahrt das Nicht-Gegenständliche. Wo werden christliche Geschichten zum Bild? Sicher, religiöse Motive in der deutschen Malerei sind zu finden: im Werk von Baselitz etwa ein Lazarus oder die Verspottung (1984) oder bei Immendorff die Versuchung des heiligen Antonius (1985), die auch Markus Lüpertz malt (1988), wie Die Reise von Golgatha (1988) oder einen Engelsturz (1988). Aber im Kontext einer jungen zeitgenössischen Malerei nehmen sich die Bilderzählungen von Kai Althoff, die sich christlichen Themen widmen, fremd aus. Wo die wieder entdeckte und gefeierte Figuration ihre Sujets meist dem Realismus der Medien entnimmt, der Werbeästhetik, Comic, Lifestyle, Politik, ist die Anknüpfung an das Buch der Bücher, an eine jahrhundertealte christliche Ikonographie und an persönliche religiöse Erfahrungen die Ausnahme.

In Gemälden und Zeichnungen Kai Althoffs der letzten Zeit findet man häufiger die Christusgestalt, Szenen der Passionsgeschichte: ein dornengekrönter Jesus trägt sein Kreuz, verspottet von seinen Widersachern (in kleinerem Format, in Filzstift, Wachsmalkreide, Bleistift, Harz, Pflanzenteile, Ohne Titel, 2001) oder auf nahezu schwarzem Grund in zarten Linien als Gekreuzigter (Bootslack, Plakafarbe, Firnis, Tonpapier auf Leinwand, Ohne Titel, 2001). In einer Kölner Galerie hat Kai Althoff 2001 einen Raum der Stille geschaffen, Aus Dir, einen Ort der Besinnung, der Andacht, eine - wie er selbst sagt - "christliche Begegnungsstätte". Ein Raum im Raum zum Gebrauch - Klang, Duft, Kerzen, Licht von oben durch eine transparente Decke, an ein Chorgestühl erinnernde Sitze - und mit Spuren des Gebrauchs: abgebrannte Teelichter, eine angesengte Matratze, Abfall. Was einladend gewesen sein mag, ist nun verwahrlost, verlassen. Eine Vielzahl von Bildern an den Wänden: Zeichnungen des Gekreuzigten, Franziskus von Assisi, wie er dem frierenden Bettler seinen Mantel umlegt, Mönche, die sich erschreckt von einer obszönen Gestalt abwenden, Postkarten und abphotographierte Zeitungsausschnitte, die um christliche Spiritualität kreisen, um monastische Lebensformen, Askese; manches wie Material aus dem Religionsunterricht, so die Cover von Büchern mit ihren sprechenden Titeln "Bisweilen sind Worte wie eine Herberge, in der man rasten kann" oder "Die Menschen belasten dich? Trage sie nicht auf den Schultern, sondern in deinem Herzen." Eine Mischung aus Gewißheit, Verheißung und Melancholie. "Aus dir" drückt eine Bewegung aus wie "Zu dir hin" wie es in einem Gedicht von Paul Celan heißt: meint vielleicht Herkunft, Verbindung, Vertrauen, innere Erfahrung. Im Buch zur Ausstellung "Wo wohnt ihr?" – Ab heute bei dir" schreibt Kai Althoff:

Es hatte die Gnade fast die Geduld verloren.
Die Offenheit hat die Schnauze voll
von Dir
deiner Eröffnung Deiner Befindlichkeiten
Deiner Seelenwanderungen
Deiner Traurigkeit
Deiner Ablehnung und Dir entgegengebrachter
Ablehnung
Die Offenheit braucht Platz
Und Ruhe Sie zeigt Dir: Pausen
Sie braucht nicht unbedingt den Menschen
Aber es braucht die Öffnung zu dir. (S. 47)

Schau auf. Sieh. Er kennt dich genau. Er hat dich hinten am Kragen genommen und will dir ja ganz ehrlich aufhelfen. Es ist ein schönes Gefühl, neben ihm zu stehen und in seinem Angesicht zu sein, denn du siehst. Du mußt mithelfen, aber klar ist es: er will dich wissen, um alles, was diese Welt ist. (S. 26)

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Kai Althoff ist Künstler und Musiker. Sein Werk ist dicht und nicht leicht zu lesen: vielfältig in den Gattungen – Installation (mit Ton und Text auch), Malerei, Zeichnung, Photographie, Performance – und von einer merkwürdigen Kombination der Stile. Ästhetiken vergangener Epochen wechseln, Ambiente und Kostüm. Die Kunstkritik fühlte sich erinnert an mittelalterliche Illustrationen wie an Klimt und Schiele, an James Ensor, den frühen Expressionismus von Grosz und Dix oder an die Gruppe Cobra. Seltsam Altmodisches neben subkultureller Szene der siebziger Jahre, ländliches Idyll, kleinstädtisches Fachwerk und Handwerk. Virtuoses Sampeln und als Ergebnis eine ganz eigene Handschrift. Meisterhaftes Zeichnen. Bilder von großer erzählerischer Phantasie, voll emotionaler Energie, spürbarer Liebe zu den Personen, hingegeben auch dem Detail. Gebärden und Ausdruck heißt Kai Althoffs neu erschienenes Buch, das einen umfassenden Einblick in seine Arbeit gibt.

Vielfältig sind Gebärden und Ausdruck in Kai Althoffs Bildern - zwischen idealisiert, romantisch, düster, grotesk, monströs. Befremdlich erscheint das oft männerbündische Personal: Jünglinge, Uniformierte, Mönche und Gesellen, harmlos und abgründig. Sie entfalten – wie es Kai Althoff im Gespräch beschreibt – ein Eigenleben. Aus der Verfügungsgewalt des Künstlers scheinen sie sich zu lösen: was im Prozeß des Entstehens als gut, angenehm, "lieb" erscheint, schlägt um ins Makabre, Dämonische, Widerwärtige, Ekelerregende.

Die Bilder erzählen oft von Kommunikation und Gemeinschaft, vom Umgang der Menschen miteinander, die eigene Biographie und Erfahrung immer eingewoben. Es sind Geschichten, wie Kai Althoff sagt, sich selbst auf den Grund zu kommen. Die Bilder atmen die Intimität der Selbsterfahrungen des Künstlers. Darin liegt ein Teil ihrer emotionalen Kraft und ihres Zaubers: daß der Betrachter sie nicht aus ihrer versponnenen, individuellen Mythologie erlösen kann. Darin sind sie anders als etwa die seltsamen Traumgebilde eines Neo Rauch aus Vergangenem und Zukünftigem mit ihrem mechanisch agierenden Personal. Auch die Schemen und Gesichter der Szenarien von Daniel Richter entspringen weniger einem subjektiven Empfinden als dem Fundus medialer Bilderflut, den projectsn des öffentlichen Bewußtseins: politischen Ereignissen und brisanten Themen wie Vertreibung, Kampf und die Grauen alltäglicher Gewalt. Bei Kai Althoff gehören biographische Lebenswirklichkeit, Träume, Gefühle und die imaginierten Bildwelten eng zusammen, das Spiel mit der eigenen Identität im Bild und draußen - wie Wohnen und Arbeiten am selben Ort. Das auch verbindet ihn mit Abel Auer.

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Abel Auers Bilder sind in Auseinandersetzung mit der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts entstanden. Und sie sind inspiriert von frühen Seher fahrungen des Künstlers. Abel Auers Großvater war Landschaftsmaler, das großelterliche Haus voller Bilder. Selbst nun Landschaften zu malen, bedeutet auch Rückbezug auf die eigene Kindheit. Wie Archetypen wirken die Motive seiner Gemälde und der Aquarelle und phantasievoll wie von Kinderhand gemalt, bunt und grell, pink, gif tgrün, rauschhaft, manchmal am Rand des Erträglichen. Die Idylle wird aggressiv und ist in der geballten Kraft der Farben nur schwer zu ertragen. Es sind Traumwelten, Gegenwelten zur eigenen urbanen Lebenswelt - dem Randgruppenviertel der Großstadt, "Taxidriver"-Milieu -, obsessiv gemalt. Wohnen und arbeiten – das ist bei Abel Auer wie in einer Höhle, die Fenster verhüllt, der Raum voller Bilder. Eine eigene Welt von solcher Wucht, daß Imagination und Wirklichkeit zusammen fallen in der Vision, daß, öffnete man die Fenster, die Welt draußen nicht anders aussähe. Als Kai Althoff diese Bilder sah, machte es ihm Mut und große Freude, auf sie malerisch zu antworten.

Für Freising mit seinen bedeutenden Sammlungen christlicher Kunst hat Kai Althoff 23 Bilder geschaffen. Es sind unterschiedliche Formate mittlerer Größe, erworbene bereits auf Keilrahmen gespannte Leinwände, auf eine Bootslackschicht Papier kaschiert, auf die er in verschiedenen Techniken malt: mit Wasserfarben, Lack, Stoffarben, manchmal eine Collage, Firnis zum Schluß. Der Rand der Leinwand ist immer mit einem Stoff beklebt.

Die Bilder sind expressiv in ihrer Farbigkeit, voll "tiefer Pracht" und zart, empfindsam. Ein Schatz an Erzählungen! So viele Anklänge an Vertrautes – woher? Hier geben – anders als bei den namenlosen früheren Werken - die Titel Hinweis. Die Bilder haben Namen. Und so erkennt man die Herrlichkeit Gottes: nicht glänzend und hehr, eher eine traumatische Gestalt, die an Moses vorüber geht. Vor den Augen der Jünger tastet Thomas ungläubig die Wunden des Herrn. Ausgelassene Stimmung am Palmsonntag, die Geistlichkeit, die schönen Gesichter der Jünger, Partygesellschaft, tanzende Damen, Frack und Zylinder, ein Rucksackreisender, Teppiche werden ausgerollt, Zweige grüßen. Bildumspannende Arme des Heiligen Geistes, in dessen Angesicht die Menschen schamlos schmutzig ihre Körperlichkeit ausleben. Die anmutige Jesusgestalt in Getsemani, verhüllt durch eine diaphane textile Überspannung der Leinwand. Der heilige Nikolaus von Myra wie die Illustration eines Kinderbuches der eigenen Kindheit, in der sich die Sehnsucht nach dem Guten, nach dem Rettenden spiegelt, nach Aufgehobensein. Nikolaus scheint eine Art Lieblingsgestalt, die in rotem Gewand mit Tiara, Bischofsstab und Heiligenschein öfter bei Kai Althoff auftaucht. Eine heulende Alte im Rollstuhl lustlos geschoben von einem jungen Paar, eine einsam melancholische weibliche Gestalt und das Glück des Bekehrten, sein lässig entspannter Körper eingefangen im Netz eines "Menschenfischers".

Liebe ist ein abstraktes Bild aus aufgeklebtem, Falten schlagendem golddurchwirktem Papier, abstrakt auch Das neue Leben, horizonale malerische Streifen in Grün, und Ewigkeit. Verstörend Makabres dazwischen: ein zerstückelter und gepfählter Kinderkörper im Schoß eines Jungen, drastisch neben der collagierten Abbildung einer effizienten Arbeitswelt. Die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers in der Phantasie nach vorne abgewinkelter Unterschenkel, die das Skelett entblössen, eine fragile Gestalt bodenlos, ohne Halt. Glück und Armut: beinahe ironisch zwei kauernde Gestalten, die eine stülpt der anderen einen Eimer über den Kopf, ein schlacksig rotlangbeiniges Mädchen passiert – und er will alles sehen... Ein Eltenpaar, dazwischen das Kind: die biedere Rückenansicht der Mutter, der Vater, die Zeitung lesend, mit Rattengesicht ein Intellectus moribundus, nur das Kind erkennt die Christusgestalt in Gold und Blau mit Lichterkranz, die Male an Händen und Füßen tragend.

Realitätsfragmente sind manchmal hinein collagiert wie das Tableau einer glücklichen Belegschaft. Eindeutiges neben Rätselhaftem, vieles bleibt entrückt und verträumt. Renée nennen sich weibliche Skinheads, die man an ihren Frisuren erkennt. "Ich bin religiös", sagt Kai Althoff. "Ich schätze es zutiefst, wenn jemand sein Leben Gott widmet. Ich glaube, das gibt dir wirklich das Gefühl frei zu sein. Du verbringst deine Zeit mit Gott, und er gibt dir die glückliche Gelassenheit, wirklich damit zu beginnen, seine Schöpfung zu erkennen und diesbezüglich zu handeln, ohne Hinderung. (Flash Art, Nr. 224, 2002, S. 97)

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In das von ihnen vergoldete Oktogon des Erkerraumes bauen die beiden Künstler eine Krippe: arme Materialien haben sie zusammen getragen, aufgelesenes Gut, zerbrochene Stühle, Staubsauger, Schaumstoff, Schaufensterpuppen, alte Teppiche, ein Kuhfell, ein Abflußrohr... In ihrer Sperrmüllästhetik ein Gegenentwurf zu den kostbaren Krippen im Kellergewölbe des Museums und doch auch prächtig. Ketten und Goldtaler, wild und schön, chaotisch und bedacht, voller Witz, aber nie despektierlich. Die Anmut der Gestalten, ihr Ausdruck: welch Erstaunen im Gesicht über das Wunder, das verhärmte Antlitz Marias, Hingabe und Anbetung.

Vom Monte Scherbelino Sehen heißt die Ausstellung. Vom Trümmerhaufen der Geschichte in die Ferne schauen, in die Zukunft. Auf dem Berg der Erfahrungen von Krieg, Leid und Zerstörung der Blick zum Horizont, Sicht! Das aufgerichtete Kreuz. Das neue Leben?

Petra Giloy-Hirtz

Direktor: Peter B. Steiner
Kuratorin: Petra Giloy-Hirtz
Grafik Design: buero schmid (München)
Photos: Christoph Knoch
PR: Claudia Weber